MMORPGs und Co: Ein freudloses Gamer-Leben

von 17. September 2010 um 16:51 12
MMORPGs und Co: Ein freudloses Gamer-Leben

Filme, Bücher, Musik und Videospiele. All diese Dinge werden von Jahrzehnt zu Jahrzehnt aufwändiger in der Produktion und sollen durch immer mehr Action und Interaktion immer heftigere Begeisterungsstürme in uns Konsumenten auslösen. Dabei kann mich ein neuer Toptitel oder ein weiteres Update für mein Lieblings-MMORPG nur noch selten fesseln oder gar wilde Emotionen in mir auslösen.

Eine Freundin offenbarte mir nun durch einen besonders herzlichen Gefühlsausbruch, wie sich echte Freude anfühlen muss. Aber warum können Starcraft 2, Mafia 2, HdRO und Co diese Gefühle nicht mehr in einem leidenschaftlichen Gamer wecken? Ein Erklärungsversuch, der mit einem Besuch in der städtischen Bibliothek begann und mit Freudentränen in den Augen endete.

Wer das ganze Vorgeplänkel überspringen und zu meiner vollkommen neuen Erkenntnis vorrücken möchte, kann das mit einem Klick auf Seite 2 direkt geschehen lassen. Aber seid gewarnt: Ihr verpasst eine Geschichte voll Drama, Menschlichkeit und Nächstenliebe.

Eins vorweg: Ich bin ein durchaus glücklicher Mensch

Klar, ab und zu tritt einem das Schicksal mit Schmackes  zwischen die Beine. Aber schöner die Glöckchen nie klingen, treibt einen ein solcher Tiefschlag oftmals zu neuen Höchstleistungen an.

Ich verbringe meine Freizeit mit der schönsten Sache der Welt: Ich kämpfe mich als unbezwingbarer Held durch die finstersten Dungeons, die man sich ausmalen kann. Im Alleingang erlege ich Unholde, die vielen Abenteurern vor mir das Leben kosteten, errichte Weltreiche, bevölkere fremde Planeten und betrachte mit ein wenig Scham den Liebesakt zweier mittelalterlicher Pixelgestalten am heimischen Monitor. Wozu BHs, wenn man die Schwerkraft wegprogrammieren könnte? Diese verdammten Innovationen à la PhysX!

Wenn ich genug von diesen fiktiven Welten habe, dann treffe ich mich mit Freunden auf ein Bier und wir philosophieren über unsere Heldentaten oder aktuelle politische Ereignisse. In den letzten Monaten kann man dabei kaum noch unterscheiden, was real und was aberwitzige Ideen in  einem Videospiel sind.

Doch das beste kommt zum Schluss. Um mir den wöchentlichen Umtrunk und meine beschauliche Wohnhöhle finanzieren zu können, spiele ich Videospiele und schreibe über meine Erfahrungen. Wer hätte das Gedacht? Da werden Menschen für das Schreiben über Spiele bezahlt. Ehrlich!

Was gibt’s denn da zu nörgeln, dummer Ossi?

Trotz aller Freude, die ich seit meiner frühesten Kindheit in unzähligen Stunden vor flackernden Röhren und modernen Flachbildschirmen verbrachte, kann sich seit vielen Monaten keine echte Freude mehr empfinden, wenn ein funkelnagelneuer PC-Titel das erste Mal in seinem kurzen Hit-Leben meine Netzhaut erleuchtet.

Egal ob StarCraft 2, Mafia 2 oder die neuesten Updates zu Der Herr der Ringe Online; die Spiele sind durchweg gut gemacht und wissen auf immer raffiniertere Weise das Interesse der jungen Kundschaft zu erwecken. Die Grafiken werden besser, der Sound bombastischer und die Entwicklung der passenden Hintergrundgeschichten beschäftigt heutzutage ganze Autorenteams, wo früher ein Volker Wertich fast im Alleingang ein Die Siedler hervorzaubern konnte.

Aber warum ist das so? Ein Bibliotheksbesuch gibt Aufschluss

Abseits meiner tagtäglichen Beschäftigung mit virtuellen Parallelwelten gibt es durchaus Unternehmungen ganz realer Natur. So trug es sich am gestrigen Mittwoch zu, dass ich mit einer Freundin in der Innenstadt lecker Indisch aß. Wir redeten über Gott und die Welt, die Arbeit und lachten über Modesünden alter und junger Passanten. Ja, manchmal bin ich weibisch.

Als wir uns darüber unterhielten, was wir in letzter Zeit gelesen hatten, blickten mich auf einmal riesengroße, traurige Äugelein an: „Seit Wochen möchte ich mir Simon Becketts Leichenblässe als Hörbuch aus der Bibliothek ausleihen, aber immer ist es vergriffen! Können wir nicht schnell nachsehen, ob es diesmal da ist?“ Als Kavalier und herausragender Menschenfreund bekannt entging mir natürlich nicht der flehende Tonfall, sodass wir sogleich zur städtischen Bibliothek aufbrachen.

Nach kurzer Recherche im OPAC grinste mich ein Honigkuchengesicht an: „Es ist da! Lass schnell holen…“ Also gingen wir in die Hörbuchabteilung und durchsuchten das alphabetisch sortierte Regel. Nada, niente, nichts. Die einzige Leichenblässe, die wir fanden, war mein monitorgebräuntes Gesicht. Doch wieder vergriffen.

Einen Reim konnte ich mir auf die Enttäuschung nicht machen. Wir Leben im Zeitalter des Internets. Dieses weltumspannenden Gebildes, das alles, aber auch wirklich alles, jederzeit verfügbar macht. Ein Hörbuch? Kein Problem. Itunes, musicload und Co stellen den ganzen Schmarrn gegen ein paar Euro innerhalb von Sekunden zur Verfügung. Aber ich bin schlicht zu freundlich, um einen Menschen auf seine Unkenntnis aufmerksam zu machen.

Wir beendeten den Ausflug mit einem überteuerten Kaffee in einem überschätzen Kaffeegeschäft und gingen unserer Wege.

Schlechtes Gewissen, Download-Gutschein und ein gutes Gewissen

War es wirklich richtig, ihr nichts von dieser Erfindung namens Internet und MP3-Shops zu erzählen? Von Glück kann man sagen, dass ich außerordentlich gern Gerstensaft in meinen Rachen kippe; vornehmlich in der Gesellschaft anderer Menschen. Wie es der Zufall wollte, lag einem kürzlich erstandenen 20-Flaschen-Kasten ein Download-Gutschein eben eines dieser MP3-Portale bei. Leichenblässe angeklickt, Gutschein-Code eingegeben, Download gestartet und ab damit auf den USB-Stick.

Mit diesem kleinen Zauberstäbchen und einer gehörigen Portion Gut-Mensch-Sein im Gepäck suchte ich am nächsten Tag die Wohnung der Freundin auf, um Ihr den kleinen USB-Stick ohne großes Gerede in die Hand zu drücken. Es gibt Tage, an denen muss ich nicht großartig kommunizieren, also flüchtete ich mich schnellstens wieder in die heimischen vier Wände.

Als mein Mobiltelefon nur wenige Minuten später die Zelda-Melodie erklingen ließ, wusste ich schon, wer sich da melden würde. Ein Schluchzen später konnte ich mit Mühe und Not ein „Das ist ja sooo liiieeeb!“ heraushören. „Danke! Och, ist das liiieeeb!“ Ja ja, so bin ich eben. Nicht erst Dragon Age: Origins lehrte mich, dass man mit passenden Geschenken das Herz einer holden Maid erobern kann.

Aber was ich da am anderen Ende des Telefonhörers abspielte, war wirkliche Freude über etwas, worauf man sich seit Wochen freute. Ihr wäre es nie in den Sinn gekommen, online nach dem Hörspiel zu suchen. Stattdessen ging sie Woche für Woche in die Bibliothek, in der Hoffnung, dass das Hörspiel nicht vergriffen sei. Das ist einfach zu beneiden!

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Kommentare

12 Wordpress-Kommentare

  1. *applaus*

    Magst Du nicht doch mal endlich ein Buch von und für Geeks, Nerds, Noobs, Naps und Zocker schreiben? Das wäre zumindest in unserem Freundes- und Bekanntenkreis der Renner. Und wer weiß, vielleicht würden uns auch endlich mal unsere Eltern verstehen.

  2. Ich stimme dir voll und komplett zu ! Daumen hoch!

    Speziell für diejenigen, die schon mehr als 20 Jahre PC-Spiele auf den Buckel haben
    trifft das „haste ein Spiel gesehen, haste alle gesehen“ voll zu.
    Dies spitzt sich in den letzten Jahren mehr und mehr zu.

    Speziell noch dazu die Kurzlebigkeit und Oberflächlichkeit des Web 2.0 mit online und offline sein und alles live/Life im Internet zu sein.

    Wo führt uns das noch alles hin ?

    Wusstet ihr schon, dass es eine Barbie-Puppe mit ner Cam und USB-Anschluß schon gibt !!!

  3. Schön geschrieben, Bnny 🙂

  4. Japp, schöner Text. Ähnliches hab ich bei mir auch schon beobachtet.

  5. Pingback: Betäubte Backe 2

  6. Brillant triffts auch. Hut ab, Herr Matthiesen, da kann jemand schreiben 🙂

    Deine Faszinationslosigkeit teile ich mehr oder minder, auch wenn mir (als älterem Menschen 🙂 ) das Konzept „Alt aber gut“ doch zusagt. Die langeweile in vielen aktuellen MMOs kann ich jedoch ohne weiteres nachvollziehen, selbst mein geliebtes HdRO lässt mich seit Monaten vollkommen kalt.

    Aber – die Tendenz scheint mir unverkennbar – gerade das Story-Erlebnis steht bei vielen Spieleentwicklern ja auf der Agenda. Und das reißts dann ja doch raus, wie ein gutes Buch oder ein guter Film.

    Schreib mehr, guter Benjamin

  7. Genial.

    Du hast die derzeitige Situation vieler Gamer (darunter auch meiner Wenigkeit) wahrlich perfekt beschrieben.

    Mich persönlich treibt es, wegen der genannten Dinge, wieder zurück zum guten alten Bücher lesen, was teilweise einen hundertmal höheren Unterhaltungswert hat, als so manches, aufwendig programmiertes, „Super-Duper-Bling-Bling-BÄM-Mega-Game“ der letzten Jahre. (Mein Buchtipp am Rande: „Otherland“ von Tad Williams)

    Der Mensch brauch nun einmal Abwechslung und Neuerungen in seinem Leben, nur das Medium der Unterhaltung auszubauen bringt ihn nicht weiter. Ein guter Inhalt voller Ideen ist viel wichtiger.
    Ich hoffe sehr, dass es sowas auch für das Medium Videospiel bald mal wieder geben wird.

    In diesem Sinne, weitermachen Benny

  8. Ich kann auch nur zustimmen. Und im Gegenteil wurde mir durch die Lektüre keine Zeit gestohlen sondern eigentlich, wohl eher ungewohnt fürs Netz, sinnvoll gefüllt. Danke dafür.

  9. Huhu Gandalf,

    danke für den tollen Beitrag! Die Zeit kannst du gerne haben!

    Ich spiele jetzt seit Jahren eigentlich nur noch WoW. Habe die meisten von dir gennanten Titel auch gespielt und sehr viel Freude mit ihnen gehabt. Ich weiss noch genau wie fasziniert ich vor Space Quest gesessen habe und die Pixelfigur per Textbefehl mit Leben versehen habe…

    Neue Spiele habe ich den letzten Jahren immer wieder mal an- oder kurz durchgespielt. Im Endeffekt landete ich dann doch wieder bei WoW.

    Das verzwickte ist m.M. die Community. Da hat WoW wahrhaft grosses verbracht. Kein anderes Spiel kann mir das Gefühl geben was WoW in den letzten Jahren an „Ingame-Bekanntschaften“ gebracht hat. Da müsste schon mein halber Server gleichzeitig mit mir DAS neue Spiel anfangen um mir ähnliches zu vermitteln. Ein Riesennachteil für alles was an Konkurrenz momentan auf den Markt kommt.

    So gesehen waren die MMOS nicht nur eine Innovation sondern irgendwie auch das Aus (für mich) für andere Spielegenres. Die sind seit WoW nur noch Beiwerk.

    Computerspiele sind für mich auf jeden Fall nicht mehr dasselbe wie früher, das habe ich nach diesem netten Beitrag erst richtig erkannt!

    Ich hoffe momentan lediglich auf Diablo 3 als Heilsbringer und ein wenig (altes) neues 😉

    Grosse Freudenstürme und Jubelschreie habe ich dann auch eher im RL. Das VL ist zwar nach wie vor spannend aber du hast schon recht, so richtig neues ist irgendwie nicht mehr dabei…

    mal interessehalber: wie lange schreibst du an so einem Artikel? ist das eher lange durchdacht oder fällt das so in der Mittagspause aus dir raus?
    Auf jeden Fall Daumen hoch und gerne mehr so kurzweiliges !

    Grüsse Totti

    • Das tippt sich dank 10 munterer Finger schnell. Was mag das sein? Irgendwas um die 10k Zeichen. Es fuhr wie ein Blitz in meinen Kopf und ’ne Stunde später stand es hier. Danach noch schnell Korrektur lesen, ein kommerziell verwendbares Bild finden und fertig. Wobei man natürlich bedenken muss, dass die Recherche für den Beitrag ein ganzes Leben dauerte. 😉

      p.s. Man bin ich mach mal froh, dass ich vor Jahren mit http://www.tipp10.de angefangen habe.

      Und noch etwas Unterhaltendes hinterher: Narrenturm-Trilogie von Andrzej Sapkowski lesen. Der Herr kann nicht nur witchern, sondern auch unglaublich tolle Historien-Fantasy-Kalauer-Bücher schreiben. Viel besser und unterhaltsamer als die letzten 20 RPG-Storys, die man durchspielen „musste“.

  10. Hey Benny,
    was ich erkannt habe: Abwechslung ist wichtig. Und gerade im INDIE-Sektor tut sich doch einiges wie wir mit minecraft wissen. Auch macht mir WOW seit der Radikalkur deutlich mehr Spass und wenn ich an The Witcher denke: das hat dermaßen einen Drive in mir ausgelöst, dass ich dem Punkt Faszinationslosigkeit nicht zustimmen kann. Ich muss eher einen anderen Punkt einbringen:
    Ich bin unter der Woche meistens abends recht müde. Zu Schulzeiten war man im Grunde doch um 14 Uhr daheim und hat ab circa 16 Uhr doch so ziemlich alles mögliche gezockt. Mit Seiten wie Kongregate so Sachen wie BRAID, dem grade erschinenen Archon Classic, Minecraft , Cataclysm, Two Worlds 2, Risen, aber auch so Dingen die von der Presse verpönt wurden wie Hellgate: London oder auch Untergrund Rollenspielen vom Herrsteller Spideweb, Konsolen wie der Pandora kann sich echt niemand über Faszinationslosigkeit beschweren. Ich sehs eher sogar so, dass es momentan so viel Spaß macht wie schon lange nicht mehr.

    Greetings.
    Chip

  11. Du springst definitiv zu wenig!

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