Diablo 3: Legendäre Gegenstände pfui, Vielfalt hui? – ein Kommentar von Systemanalytiker Benny

Benny 2019: Brettspiele mit Miniaturen spielen, Kindern Zöpfe flechten und am PC mehr programmieren als Videospiele spielen. Zeiten ändern sich. Veröffentlicht vonBenny Matthiesen

Langsam reicht es doch mit den Kommentaren zu Diablo 3. Vielleicht ist dieser schon der letzte: Blizzards Bashiok wird nicht müde, die Gegenstandsvielfalt in Diablo 3 zu propagieren. Anstatt legendären Gegenständen nachzujagen, sollen magische und seltene Gegenstände unsere Helden einkleiden – jeden so, wie es ihm gefällt. Aber stimmt das überhaupt? Ein Blick in das Gegenstandssystems verrät, dass alles berechenbar ist – von Vielfalt vorerst keine Spur.

Die Jagd nach den besten Gegenständen des Inferno-Schwierigkeitsgrades ist seit nunmehr zwei Wochen eröffnet. Und immer stärker treten die Unzulänglichkeiten des Gegenstandssystems in Kombination mit dem Auktionshaus in Diablo 3 zutage. Unmut macht sich in den offiziellen Foren breit. Was wir bei all den Hater- und Fanboi-Kommentaren jedoch bedenken müssen: Tatsächlich nimmt nur eine Minderheit der Spieler an den Diskussionen teil. Die Mehrheit schweigt und genießt oder ärgert sich still schwarz. Darum versuche ich es heute mit einem untypisch emotionslosen Kommentar zum grundsätzlichen Aufbau des Gegenstandssystems, um Bashioks Aussage: „Wir wollen die Gegenstands-Vielfalt fördern“ zu hinterfragen.

Vielfalt soll das neue Unique sein

Diablo-2-Veteranen werden sich noch an Zeiten vor der Erweiterung Lord of Destruction erinnern können, als sogenannte Unique-Gegenstände nicht das höchste der Sammlergefühle waren. Erst mit einer Überarbeitung des D2-Systems werteten die Entwickler die überaus seltenen Gegenstände so sehr auf, dass sich die Jagd nach der besten Beute auf die Jagd nach den besten Uniques verengte.

Uniques in Diablo 2 waren nicht nur Spielern der höchsten Charakterstufe auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad vorbehalten und dennoch oftmals das Beste, was man dafür äußerst selten finden konnte.

In Diablo 3 stellen die extrem seltene, nun legendär benannten Beute oftmals keine Verbesserung für den eigenen Charakter dar. Dies liegt unter anderem an der Zufälligkeit der Affixe; also an den möglichen Eigenschaften, die ein Gegenstand aufweisen kann und andererseits an den Grundattributen, die legendäre Waffen und Rüstungen vom System zugesprochen bekommen. Während der Affix-Zufall bei vielen Spielern erwünscht ist und Diablo-Prinzip genannt wird, sorgen die Grundattribute für Unmut. Diese liegen nämlich grundsätzlich unter denen anderer magischer und seltener Gegenstände.

Letztendlich sollen Charaktere im D3-Endgame eine Mischung aus seltenen, legendären und Set-Gegenständen tragen. Vielfalt ist das Zauberwort – kein Held soll dem anderen gleichen.

Das infernale Gegenstandssystem

Der höchste aller vier Schwierigkeitsgrade, Inferno, verfügt über ganze drei Gegenstandsstufen, obwohl die Tooltips selbst nur von Gegenständen der Stufe 60 sprechen. Dies soll sich mit einem der nächsten Patches ändern. Künftig erfahren die Spieler direkt, ob sie einen Gegenstand der Stufe 61, 62 oder 63 vor sich haben.

Jede dieser drei Gegenstandsstufen besitzt genau einen weißen Grundgegenstand je Ausrüstungsplatz und damit genau ein Aussehen. Blaue Gegenstände dieser Stufe sind lediglich ein Derivat, also Abkömmlinge dieses weißen Grundgegenstandes. Der Grundschaden der Waffen sowie der grundsätzliche Rüstungswert anderer Ausrüstungsplätze und das Aussehen sind durch den weißen Grundgegenstand bestimmt.

Blaue, also magische Gegenständen weisen zusätzlich zufällige Affixe auf, die den Grundschaden erhöhen: + Zusatzschaden und +XX% Schaden ebenso wie Angriffsgeschwindigkeit und kritische Trefferwertung. Abgesehen vom Affix +Zusatzschaden sind die weiteren Schadensverbesserungen prozentuale Steigerungen des Grundschadens einer Waffe. Blaue Gegenstände besitzen bis zu vier Affixe.

Oni-Klingen sind Derivate der Stufe-62-Grundtypen, die ihr über das Handwerk herstellen könnt.

Gelbe, sogenannte seltene Gegenstände sind ebenfalls Derivate derselben weißen Gegenstände der Stufe 63. Damit übernehmen sie deren Grundschaden, Rüstung sowie Aussehen und können die Werte ebenfalls nur prozentual steigern. Zudem existieren seltene Gegenstände in drei Stufen: normal mit vier Affixen, edel mit fünf Affixen und groß mit sechs Affixen. Zusätzlich können Gegenstände „kritisch“ sein, wodurch sie eins bis zwei zusätzliche Affixe erhalten. Das Äußere bleibt gleich.

Und genau an dieser Stelle liegt der Hund begraben: Der eine weiße Grundgegenstand der Stufe 63 je Ausrüstungsplatz besitzt ausnahmslos die höchsten Schadenswerte und Rüstungswerte im Spiel, wie man anhand der offiziellen D3-Datenbank sehen kann. Da magische und seltene Gegenstände Derivate dieser sind mit zusätzlichen Multiplikatoren, haben diese den theoretisch höchsten Schaden aller verfügbaren Waffen im Spiel sowie die höchsten Rüstungswerte (Warum sind Rüstungswerte wichtig?).

Seltene Gegenstände erreichen mit mehreren perfekten Affixen praktisch die höchsten Werte. Aber die verschiedenen Affixe müssen eben sehr gut zueinander passen, weswegen seltene Gegenstände von Spielern oftmals bei unpassenden Affix-Kombinationen als zu schlecht wahrgenommen werden. Das Merkmal selten sorgt aufgrund dieser grundlegenden Mechanik für Frust.

Legendäre Gegenstände sind hingegen keine Derivate dieses einen weißen Gegenstands. Ihr Äußeres ebenso wie die Werte ist in einem abgesteckten Spektrum von den Entwicklern vorgegeben. Während das Aussehen durchaus einzigartig und somit etwas Besonderes ist, greifen die Entwickler bei den Affixen auf die Standard-Verbesserungen aller Gegenstände zurück. Mit einer Einschränkung: Die fest vorgegebenen Werte können mehrheitlich nicht so hohe Multiplikatoren wie magische und seltene Gegenstände aufweisen. Damit sind legendäre Gegenstände zumindest derzeit immer den Zufallsgegenständen der magischen und seltenen Kategorie unterlegen. An dieser Stelle wollen die Entwickler jedoch nachbessern.

Vielfalt in Diablo 3: Drei unterschiedliche Grundschwerter für drei Inferno-Abschnitte. Am Ende bleibt nur das Kriegsherrenschwert.

Nicht nur theoretisch, sondern vielmehr praktisch ergibt sich damit im Endgame ein einziges Aussehen je Ausrüstungsplatz. Entweder man begnügt sich mit einem recht günstigen magischen Gegenstand der Stufe 63, dessen Aussehen von genau einem weißen Grundgegenstand vorgegeben ist, oder man hat beim Farmen der Akte 3 und 4 auf Inferno Glück, einen seltenen Gegenstand mit sehr guter Affix-Kombination zu finden, dessen Äußeres eben auch von diesem einen weißen Gegenstand der Stufe 63 vorgegeben ist. Oder man schmeißt mit dem Goldsäckel im Auktionshaus um sich. Vielfalt sieht anders aus, werter Bashiok.

Beispiel: Zweihandschwerter

Das weiße Grundschwert ist in Inferno Akt 1 die Kolossklinge mit der Gegenstandsstufe 61 und dementsprechend niedrigen Grundwerten. Mit Akt 2 kommen Oni-Klingen der Stufe 62 hinzu, von denen alle drei seltenen und herzustellenden „Erhabene Oni-Klingen“ abgeleitet sind. Akt 3 und 4 führen abschließend die Kriegsherrenschwerter ein, von denen die magischen und seltenen Zweihandwerter mit dem höchsten Grundschaden im Spiel abgeleitet sind.

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10 Kommentare

  1. Hallo Benny,

    danke für die genauen Erläuterungen! Was ich noch nicht so ganz checke ist das mit den weißen Grunditems… Willst du sagen das z.b. in Inferno Akt 3 nur eine Art (vom Aussehen her) von Schuhen dropen kann? Und diese dann nur durch die Stats variieren? Wenn dem so wäre, ist das echt schade! Bisher fand ich eigentlich die Items total nett gezeichnet und hatte auch ein wenig Abwechslung… Wenn ich das richtig verstanden habe sehen dann aber irgendwann doch alle wieder gleich aus. (Bis auf Farbstoffvariation)

    1. Es gibt für Akt 1, Akt 2 und Akt 3+4 je einen Grundgegenstand, der die Gegenstandsstufe des Aktes hat. Man sieht im letzten Bild anhand der 2-Hand-Schwerter sehr gut. Es können auch die niedrigeren Stufen in den beiden höchsten Akten dropen. Aber die Grundwerte für DPS und Rüstung sind direkt an die Gegenstandsstufe gebunden, weswegen theoretisch – und vor allem bei Waffen ist das sehr offensichtlich (such einfach mal nach einer Waffengattung im AH, die mit den meisten DPS stammen alle vom gleichen Grundtyp ab und sehen alle gleich aus) – die 63er Gegenstände die besten Grundwerte im Spiel liefern können.

  2. Wenn man davon ausgeht das alle später nur noch ilvl 63 tragen werden… sehen dann alle gleich aus?

    1. Davon wird man wohl nicht ausgehen können, da es eben Endgame ist und nicht jeder die für ihn perfekten 63er Gegenstände bekommt. Aber es ist das Ziel, das wohl jeder anstrebt, weil es eben die bestmögliche Ausrüstung ist. Und diese gibt es nur in einem Aussehen.

    2. Das wäre dann wirklich schwach finde ich.. bleibt abzuwarten ob Blizzard noch nachbessert… in Punkto Legendarys ist ja schon angedeutet das es Nachbesserung gibt.

      Es kommt mir so vor als würde man das Endgame erst nach Release polishen… Bei einer Spielefirma wie Blizz schon ein wenig enttäuschend… aber ich will nicht zu viel unken… ich bin das erste mal seit Ewigkeiten mal wieder so richtig! angefixt von einem Spiel und das muss ein Spiel uns verwöhnten Konsumgamern erstmal liefern, von daher… Kritik absolut angebracht aber das Gesamtwerk passt meiner Meinung nach trotzdem! Wenn ich mir so Bewertungen bei Amazon anschaue muss man sich immer fragen mit was für einer Messlatte bei Diablo 3 angelegt wird… D3 ist trotz aller Kritik für mich Spiel des Jahres…. da kann man sicher drüber streiten aber ich denke die Verkaufszahlen der ersten 2 Wochen! sprechen für sich…

    3. Auch hier gilt: Amazon-Rezensionen sind, genau wie Metascore, FROM HELL! 🙂

      Naja gut, an Verkaufszahlen die Qualität eines Spiels zu messen ist ein bisschen quatsch, das gute Modern Warfare 3 ist so ziemlich die ultimative Cashcow, das selbst Electronic Arts FiFA in Sachen: „Wir verkaufen nen Patch für 50 Euro“ übertrifft, und hat sich dennoch sensationell verkauft. :/

      Diablo3 ist ein toller Zeitfresser keine Frage, aber mittlerweile häuft sich einfach der Frust, Inferno Akt1 Farmerei, miserable Itemgenerierung, gerade schon wieder massive Login und Latenzprobleme, ein bis zum Erbrechen fehlerhaftes Auktionshaus und und und.
      Sollte Blizzards neues Titan so online gehen, kann sich das gute Spiel gleich zu SWTOR und all den Anderen, im Wartezimmer des Begräbnisinstitutes, dazugesellen. ;(

    4. Amazon-Kritiken… hihi… 😀

      „Ich bin zu blöd dafür das richtige Produkt zu kaufen – 1 Stern!“
      „Das Produkt kam gar nicht bei mir an weil es von einem Marketplace-Händler kommt – 1 Stern!“
      „Ich hasse Spiele – 1 Stern!“

      😉

  3. <3 harle

    Schon doof wenn man mitbekommt das in Akt 3/4 nurnoch Kisten und Vasen gemacht werden(zum Beispiel der kurze Weg zum Izual Kampf) von a den Goldfarmern und b den ambitionierten Spielern die irgendwann auch mal richtig in der Schwierigkeit spielen wollen nachdem mal sich durchgestorben hat. All das nur weil die besten Items eben nicht von dem champs droppen müssen, sonndern aus jedem gammligen umgedrehen Steinhaufen fallen können.
    Vielen dank Werteglücksrad, gebt den legendären Items wenigstens die Chance bessere stats zu bekommen als gleichstufige blaue oder gelbe.

    p.s. Diablo 3 ist subba!

  4. Ich denke mal man muß Intention und Umsetzung unterscheiden.
    Intention ist natürlich das Auktionshaus als wichtige Quelle für Ausrüstung zu etablieren. Das ist ihnen so weit ganz gut gelungen. Man hat zu jeder Zeit viele Items zu Kaufen und zu Verkaufen. Und das liegt an diesem Itemdesign.
    Positiv gesehn ermöglicht die komplett randomisierte Attributsverteilung, daß viele verschiedene Strategien, welche nicht unbeding vorhergesehen waren trotz allem möglich sind. Wenn aber eine gewisse Anzahl an „Best in Slot“ Uniques bestimmte Attribute vorgeben lohnen sich unterschiedliche Builds gar nicht. Ich kann hier nur für den Mönch sprechen, aber hätten zB 2 wichtige Uniques Feuerresistenz müsste jeder Mönch Feuerresistenz stacken um mit der „one with everything“ Passive Fähigkeit die Höchsten Resistenzen zu bekommen. Man würde seinen Spielstiel von Anfang an auf das durch die BIS Items vorhersehbare Build optimieren. Da man Life on Hit auf Waffen, Ringen und Amuletten gepaart mit % Angriffsgeschwindigkeit auf viele anderen Gegenständen kombinieren kann ist das ne gute Strategie. Viele machen es aber auch anders….
    Leider Gottes aber hat dies auch seine schlechten Seiten. Sobald ich mich für einen Spielstil entschieden habe kann ich die Drops von Monstern getrost vergessen. Spielen bis das Inventar voll ist. Dann zurück ins Lager Rares identifizieren schauen was im AH verkauft werden kann, den Rest bei Händler verscherbeln, von dem so verdienten Geld im AH Gegenstände kaufen. Rinse and repeat. Ich trage kein einziges selbstgefundenes Item.
    Gäbe es kein Auktionslimit würde sich Spielen ab Level 60 überhaupt nicht mehr lohnen.

    Du sollst die deine Taktik selbst aussuchen und diese dann mit dem AH verwirklichen.
    So ist der Plan und so funktioniert es ja momentan auch.
    Noch ist das Spiele ja ohne Echtgeld AH und PvP nicht komplett. Mit dem PvP wird nochmals zusätzlich Druck aufgebaut bessere Items haben zu müssen. Mit dem Echtgeld AH kommt dann das eigendlich Buisiness Model von Diablo 3 und auch der Wahre Grund warum das Lootsystem so ist wie es ist und warum der Schwierigkeitsgrat so ist wie er ist. Das Ziel ist: Entweder du grindest oder du gibst Geld aus, wie in „free to play“ MMOs.
    Das System ist an sich gut gedacht. Wenn die Spieler das System annehmen macht Blizzard nen viel Geld. Nur bemerke ich bei mir selber und vielen anderen, daß die Luft schnell raus ist. Vielleicht haben sie sich also auch verzettelt. Wir werden es sehen.

    PS: Ich bin nicht auf das Aussehen der Ausrüstung eingegangen, weil mir das persönlich egal ist. Da hast du sicher Recht Benni, aber ich erkenn den Unterschied im Aussehen meines Charakters beim spielen nicht wirklich. Dazu bin ich zu weit weg in der Isometrischen Ansicht.

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