Fallout 4: Vom öden Schlaraffenland zum spannenden Überlebenskampf

von 4. Mai 2016 um 10:20 7
Fallout 4: Vom öden Schlaraffenland zum spannenden Überlebenskampf

Mit Bauchschmerzen saß ich in einem Berg aus Süßigkeiten. Ich konnte nicht mehr, ich wollte nicht mehr. Die Hinweisschilder am Eingang zu diesem Schlaraffenland hatten recht: „Vorsicht, Lebensgefahr!“ Denn mir ging es zu gut und das langweilte mich zu Tode. Genau das war Fallout 4 für mich, bis Bethesda den Survival-Modus überarbeitet hat. Jetzt kämpfe ich für jeden Zuckerschub und ums Überleben.

Was bisher geschah

„Fallout 4 ist ein langweiliges Rollenspiel. Bethesda kann es einfach nicht und hätte lieber ein paar Stunden mehr The Witcher 3 spielen sollen, bevor sie im November letzten Jahres das nuklear verseuchte Boston auf die Menschheit losgelassen haben.“

So, oder so ähnlich habe ich im NinjaCast meine Abneigung gegenüber dieser Ausgeburt von Langeweile ausgedrückt. Ja, Fallout 4 war mir zu flach: Technische Probleme, eine schwache Handlung, ein sinnfreier Siedlungsbau und Kugeln aufsaugende Gegnermassen haben einfach keine lebensfeindliche Atmosphäre aufkommen lassen, die ein postapokalyptisches Rollenspiel doch so dringend braucht.

Zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, im Commonwealth ernsthaft um mein Überleben kämpfen zu müssen. Nahrung, Munition und Ressourcen warteten schließlich hinter jeder Ecke. Ernsthafte Gefahren abseits der mutierten und übermenschlichen Gegner gab es nicht. Die Erhöhung des Schwierigkeitsgrades machte alles nur schlimmer, Kämpfe wurden träge und weniger spaßig. Selbst kleine Blutfliegen saugten meine Schüsse wie Schwämme auf; ein schlechtes Design. Fallout 4 war simple Action-Kost, die ich nach 13 Stunden einfach wieder vergessen wollte.

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Wie soll ich hier überleben?

Doch seit Tagen schleiche ich nun wieder durch Concord und Lexington. Von meinen täglichen Streifzügen trage ich selten mehr als ein paar mickrige Ersatzteile mit nach Hause. Zu Hause ist Sanctuary. Eine kleine Siedlung, die inzwischen von sieben Menschen bewohnt wird. Und doch sichert sie das Überleben ihrer Bewohner und damit auch das meinige.

Der mit Patch 1.5 überarbeitet Survival-Modus für Fallout 4 korrigiert einen Großteil der Fehler, die das Spiel zu seiner Veröffentlichung hatte. Endlich kämpfe ich ums Überleben. Nicht nur gegen Mutanten und Banditen. Sondern auch gegen die Gefahren dieser menschenfeindlichen Umwelt.

Kaum war ich dem vermeintlich sicheren Vault 111 entstiegen, zwang mich der Durst zu einer Erfrischung im nahen Flussbett. Das Nass stillte den Durst und bescherte mir kräftezehrende Parasiten. Wunderbar! Hunger, Durst, Krankheiten, Schlafmangel, Strahlung. All diese Widrigkeiten sind nun endlich eine echte Plage. Esse ich zu wenig, wirkt sich das auf meine Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit aus. Zu viel der verseuchten Nahrung, schwächt mein Immunsystem und macht es anfällig für Krankheitserreger. Schlafmangel wirkt sich auf meine Kampffertigkeiten aus, zu viel Schlaf zwingt mich zu häufigerer Nahrungsaufnahme. Genau dieses Abwägen ist es, was dem ursprünglichen Fallout 4 fehlte. Ich muss endlich Entscheidungen treffen!

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Eine Zweckgemeinschaft

Und so habe ich mich für eine Siedlung entschieden, die mir das Überleben auch außerhalb ihrer Mauern ermöglichen soll. Hier bauen wir Tato-Pflanzen an, reinigen die verseuchten Wasservorräte und schützen uns mit Grenzzäunen und Selbstschussanlagen gegen raubende Banden. Dass Sancuary so ein Idyll ist, kam nicht von heute auf morgen. Immer wieder musste ich losziehen und in direkter Umgebung nach Ersatzteilen suchen. Meine Beutezüge trugen mich selten weiter als über die Grenzen der nahen Stadt Concord hinaus. Denn meine Tragkraft war nur begrenzt.

Beladen mit eben gefundenen Sicherungen, einigen Zahnrädern und seltenen Schaltkreisen hieß es schon nach wenigen Minuten: Rückzug, mehr schaffst du nicht. Aber mit jedem Beutezug wuchs die Siedlung, kamen neue Bewohner und mehrten sich unsere Vorräte. Größere Wasservorräte erlaubten mir weitere Reisen zu Fuß. Bald erkundete ich eine Satellitenanlage, bald einen überfluteten Tagebau. Die Gemeinschaft hatte einen Sinn. Sie ermöglichte mir die Erkundung der Welt. Ein Problem, vor das mich das ursprüngliche Fallout 4 nie gestellt hat.

Weiterentwicklung

Mit zunehmender Erfahrung stellte sich die Frage, was ich in dieser Welt eigentlich erreichen möchte: Einerseits lockten all die neuen Fähigkeiten eines Revolverhelden, der mit Ghoulen und Mutanten kurzen Prozess macht. Andererseits würde ich als lokaler Anführer ein florierendes Netz aus Siedlungen etablieren können. Schnellreisen gibt es schließlich nicht mehr und ich könnte mich jederzeit mit frischem Wasser und Waffenmodifikationen ausstatten. Oder sollte ich mich vorerst um eine strahlungsfreie Nahrungsaufnahme kümmern – Stichwort Bleimagen? Der Survial-Modus gibt der Charakterentwicklung all die Entscheidungen, die ich früher nicht treffen musste. Er schafft es, weil er mir als Spieler moderne Komfortfunktionen wie die Schnellreise oder selbstständig heilende Gefährten wegnimmt und erst dadurch die „Perks“ abseits des Kampfes interessant macht.

Inzwischen habe ich mich auf einen Waffentyp, nämlich das Scharfschützengewehr, spezialisiert. Ich schleiche noch nicht sonderlich gut, kann dafür aber einfachste Schlösser knacken. Meine Siedler sind ganz zufrieden mit meiner Führungsqualität, dafür bin ich ein schwaches Männlein, das schon bei der kleinsten Belastung zusammenbricht. Direkten Konfrontationen muss ich aus dem Weg gehen und sonderlich clever bin ich auch nicht. Ich habe mehr Zeit und Erfahrungspunkte in Fähigkeiten investiert, die mir im Kampf nichts nützen, obwohl mir der Kampf die größten Probleme bereitet. Aber da kann ich als vorsichtiger Spieler gegensteuern, indem ich Konfrontationen vermeide und neue Gebiete nur sehr zögerlich erschließe.

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Umdenken

In Gesprächen mit anderen Bewohnern dieser Ödlande muss ich zurückhaltend sein. Das erscheint mir logisch, da ich einem direkten Schusswechsel nicht gewachsen wäre. Eine Falsche Antwort und ich liege bleidurchsiebt am Boden. Vorbei sind die Zeiten, in denen Fallout-4-Spieler selbst in Unterzahl das Maul aufrissen und bei Widerworten einfach die Knarre zogen. Ich überlebe das nicht – ich habe es ein paar Mal versucht.

Bestraft wurde ich mit verlorener Zeit. Denn speichern konnte ich vorher nicht. Das geht nur noch an Betten. Mein eigenes ist das komfortabelste, aber gelegentlich tut es auch ein schmutziger Schlafsack. Hauptsache ist, dass ich die Erfolge der letzten 30 Minuten nicht wegen einer Unachtsamkeit verliere. Das Nicht-speichern-Können mag aus der Zeit gefallen wirken für ein modernes Videospiel, aber wie auch in der Souls-Reihe von FromSoftware führt es dazu, dass ich mich über Siege freue.

Nichts ist berauschender als eine gammelige Matratze in einem heruntergekommenen Haus zu entdecken, nachdem man sich kampfesmutig in ein Gefecht mit Banditen gestürzt hatte. Nichts ist frustrierender wenn man den Stolperdraht übersieht, der nur wenige Sekundenbruchteile später die Brandbombe neben der Matratze auslösen wird. Aber diese Versehen passieren mir nicht mehr häufig. Ich habe gelernt. Das Spiel hat mir beigebracht, meine Umgebung wieder zu beobachten, weil es mir die Sicherheit der Schnellspeicherung genommen hat.

Endlich kann ich das Commonwealth mit anderen Augen betrachten. Ich achte auf Details. Ich merke mir Wegpunkte, Positionen von Banditen. Markiere auf meiner inneren Karte Häuser, die ich noch untersuchen muss, Höhlen, in die ich mich erst bei meiner nächsten Exkursion trauen werde; nämlich dann, wenn ich nicht bereits 20 Minuten auf Beutestreifzug war. Unbekannte Orte werden vermerkt und später gezielt angesteuert, um ja keine Zeit zu verlieren. Ich passe mich dem Spiel an und tauche dadurch in die Rolle ein. Ich steuere nicht nur einen Charakter, der in einem Rollenspiel Abenteuer erlebt, sondern muss selbst in diese Rolle schlüpfen.

Der neue Survival-Modus hat Fallout 4 für mich gerettet.

Kommentare

7 Wordpress-Kommentare

  1. So grundsätzlich gefallen mir die Neuerungen des Survivalmodes eigentlich ganz gut, allerdings haben sie es meiner Meinung nach versäumt, die Resourcenbeschaffung zum Siedlungsbau an die fehlende Schnellreise anzupassen.

    Das war mit Schnellreisefunktion schon extrem nervig, die schier unendlichen Massen an Baumaterial ranzuschaffen, die man für eine Siedlung brauchte, die mehr als nur zweckmässig sein sollte. Wenn ich mir überlege, das ich jetzt auch noch 25 Mal in Echtzeit zwischen Plünderungsort und Siedlung hin- und herlatschen muss, da vergehts mir jetzt schon.

    Da hätten sie meiner Meinung nach als Minimum sowas wie Packbrahmins einführen sollen oder im Optimalfall ein neues Feature, mit dem man seine Siedler zum Plündern in „befriedete“ Gebiete schicken kann.

    So ist mir das jedenfalls zu halbgar umgesetzt, zumindest wenn man sich mit der einzigen wirklichen Neuerung des Spiels, dem Siedlungsbau, ausgiebig beschäftigen will. Wenn man das allerdings nur rein funktional nutzen will, also Wasserpumpe, Bett und ein Kürbisfeld zum „auftanken“ und speichern, dann ist der Survivalmodus sicherlich ne nette Geschichte, um das Spielerlebnis aufzupeppen.

    • Aber genau dafür hast du ja die ganzen Perks, um deine Tragkraft zu erhöhen. Ich habe beispielsweise nichts in Stärke investiert, kann also nicht den Starken Rücken für mehr Traglast ausbilden. Dafür habe ich unter Charisma den Perk für Charaktere ohne Begleiter (der Hund zählt nicht als Begleiter) genommen, der meine Traglast um 100 % erhöht. Damit ich mir die Wege verkürze, habe ich Versorgungslinien zwischen den Siedlungen (wieder über Perks) ausgebildet.

      Vor der Überarbeitung brauchte man all diese Perks nicht. Die waren albernes Beiwerk, das man durch Schnellreise etc. umgehen konnte. Jetzt muss ich mich entscheiden.

    • Ja, die hatte ich grösstenteils auch schon in der „normalen“ Version gehabt und trotzdem wars zu wenig Tragkraft, denn wenn man den Siedlungsbau wirklich in vollem Umfang nutzen will, die eigenen Siedlungen also nicht nur funktional, sondern auch schön und einzigartig sein sollen, dann braucht man so absurd viel Baumaterial, das man bestimmt 3/4 der Spielzeit *ausschliesslich* mit der Beschaffung von selbigem beschäftig ist, was allerspätestens nach 30-40 Stunden einfach nur noch unglaublich nervig ist.

      Meiner Meinung nach schon ein Designfehler im eigentlichen Spiel, das man keine Möglichkeit hat die Resourcenbeschaffung vernünftig zu automatisieren (die Scavengerwerkbank lass ich mal aussen vor, da die generierte Resourcenmenge viel zu gering ist), der durch den Wegfall der Schnellreise noch deutlich verstärkt wird, da man noch viel mehr Spielzeit in die auf Dauer einfach nur nervige und eintönige Resourcenbeschaffung investieren muss. 1+ Stunden Material sammeln, um 5 Minuten bauen zu können. Da stimmt das Verhältnis einfach nicht.

    • Ich habe einen Mode installiert der mich wirklich alles abreißen lässt. Das hilft ungemein beim Siedlungsbau. Ist ja auch Quatsch durch die Wildnis zu wandern für etwas Blech und auf dem Weg mehrere alte Autos ignorieren, weil das Spiel die nicht als Ressourcenquelle gefragt hat.

    • Uh, magst du mir den verlinken? Es ist schon sehr verstörend, dass man nur an bestimmten Punkten Materialien erhält, obwohl die Welt doch voll davon ist.

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