Burnout in Azeroth: Warum in Gilden gerade jetzt die Fetzen fliegen

von 14. April 2010 um 09:14 12

[singlepic=1064,200,132,right]Es war mal wieder einer dieser Abende, die man leider in letzter Zeit öfters erlebt. Der übliche Donnerstags-Raid steht an, nach und nach trudeln die Leute ein, es wird kaum gesprochen und alle gehen ihrer üblichen Routine nach. Doch plötzlich taucht ein Problem auf: ein Heiler fehlt. Ein wenig die zwei Schlachtzugsgruppen hin und her schieben und schon passt es wieder – wäre da nicht dieser eine ausschlaggebende Satz im Raidchannel: „Also wenn Hans-Peter gehen muss, dann habe ich keine Lust!“. Und schon bricht eine Diskussion los, die sich gewaschen hat. Fast eine geschlagene Stunde wird debattiert, unkommentiert die Gruppe oder gleich das Spiel verlassen, mit Whispers um sich geschmissen, um dann nach zahlreichen „Ey da hab ich jetzt gar keinen Bock mehr drauf“-Sprüchen das Handtuch zu schmeißen. Für alte WoW-Hasen keine unbekannte Situation, denn kurz vor Veröffentlichung einer neuen Erweiterung grassiert die altbekannte Krankheit namens Unlust in Azeroth.

Manch einer mag sagen, dass die durch Unlust geplagten Spieler einfach mal eine Pause einlegen sollten. Der Gedankengang liegt nahe. Jedoch ist das, wie es nun mal  immer so ist, nicht ganz so einfach. Es gibt viele Faktoren die dazu beitragen nicht einfach mal eben so sein Hobby WoW aufzugeben. Man will seine Leute nicht im Stich lassen, man will Arthas endlich nach über eineinhalb Jahren Herumkrakelerei den Hintern versohlen, man will noch dieses eine tolle Schmuckstück oder diesen einen unglaublich wichtigen Streitkolben ergattern, man will irgendwann sein Legendary in der Hand halten oder, auch wenn es sich einige nicht eingestehen wollen, man kommt einfach nicht mehr davon los. Ich will hier gar nicht auf den Zug der MMO-Sucht aufspringen. Das würde am Thema vorbeizielen. Denn meiner Meinung nach leidet die Raidgemeinschaft nicht an klassischen Suchterscheinungen, sondern am Burnout-Syndrom.

Schaut man sich die Definition dieser eher von Managern bekannten Krankheit bei wikipedia mal etwas genauer an, fallen verblüffend viele Ähnlichkeiten auf.

„Ein Burnout-Syndrom (engl. (to) burn out: „ausbrennen“) ist ein Zustand ausgesprochener emotionaler Erschöpfung mit reduzierter Leistungsfähigkeit, das als Endzustand einer Entwicklungslinie bezeichnet werden kann, die mit idealistischer Begeisterung beginnt und über frustrierende Erlebnisse zu Desillusionierung und Apathie, psychosomatischen Erkrankungen und Depression oder Aggressivität und einer erhöhten Suchtgefährdung führt.“ (Quelle)

Phase 1: Idealistische Begeisterung

Sobald eine neue Instanz ihre Pforten im WoW-Universum öffnet, benehmen sich alle Spieler wie aufgescheuchte Hühner. Voller Begeisterung und Tatendrang wagen sie die ersten Schritte im unbekannten Territorium und flippen bei jedem noch so kleinem Fortschritt regelrecht aus. „Hey, wir haben immerhin ein Prozent mehr als beim letzten Try geschafft. Der Boss hatte ja nur noch 98 Prozent seines Lebens. Das schaffen wir heut noch.“

Phase 2: Frustrierende Erlebnisse

Es vergehen ein paar Wochen und der Boss liegt immer noch nicht. Die zuvor nur so vor Euphorie strotzenden Versuche weichen einem schon etwas genervtem Tonfall im Raidchat. „Also irgendwie machen wir was falsch. Das kann nicht sein, dass wir hier noch immer dran rumwipen. Hat denn jeder die Taktik genau gelesen und die Videos angeschaut? Das muss doch irgendwie klappen.“

Phase 3: Desillusionierung, Apathie, psychosomatische Erkrankungen, Depression und Aggression

[singlepic=1063,200,130,right]Nach schier undenkbar vielen IDs und gefühlten tausend Toden an den hartnäckigen Widersachern der zuvor noch bis in den Himmel gelobten Instanz, schlägt die Raidstimmung vollends um. Einige Spieler haben sich entschieden einfach gar nichts mehr zum Fortschritt beizutragen und haben sich geistig so sehr ausgeklinkt, dass man meinen könnte es mit Bots zu tun zu haben. Sie sagen nichts mehr im TS, beteiligen sich nicht mehr an dem sonst so amüsanten Geplapper im Allgemein-Chat der Instanz – sie rattern nur noch ihre Rotationen durch und erfüllen ihren Job (-> Apathie). Manch andere verbreiten mit ihren Sprüchen, den Boss doch eh niemals zu schaffen, miese Stimmung (-> Desillusionierung). Zusätzlich leidet urplötzlich mindestens ein Spieler an chronischer Müdigkeit, Erkältung, Magen- oder Kopfschmerzen, Heuschnupfen oder was auch immer. Er kränkelt vor sich hin und fällt somit regelmäßig aus (->psychosomatische Erkrankungen). Für einige andere Spieler sind die Erlebnisse der letzten Wochen so frustrierend, dass sie gleich die ganze Welt um sich herum verdammen und grauenvoll finden (-> Depression). Was das Fass dann endgültig zum Überlaufen bringt ist der aggressive Spieler. Er hört sich alles in Ruhe an, beobachtet wie ein Luchs, die sich immer mehr zuspitzende Situation um sich herum, um dann von einer Sekunde auf die nächste die Bombe platzen zu lassen. Ein verbales Inferno prasselt auf die Schlachtgruppe ein, das in den meisten Fällen zur totalen Eskalation führt. „Ich mach den Blödsinn hier nicht mehr mit. Wenn Ihr einen Tank sucht, dann nehmt halt so einen Random-Heini mit. Aber ich bin weg. Könnt Ihr zusehen wie Ihr den bescheuerten Eiskronendödel Arthas legt.“ Zack, Bumm, weg ist er!

Der restliche bedröppelte Haufen Elend namens Schlachtzug ist das erste Mal seit langem einfach nur still. Eine angenehme Ruhe, die ewig anhalten könnte, wäre da nicht der Kindergarten-Faktor, der nun zum Vorschein kommt. „Das habt Ihr nun davon. Wenn Irma nicht immer so rumwhinern würde, hätten wir den ollen Arthas schon längst gekillt.“ “ Aha, jetzt bin ich also Schuld? Das lass ich mir nicht länger gefallen, hier immer der Buhmann zu sein. Hab nur wegen Euch noch eine GameCard gekauft. Lass ich die halt auslaufen und verschwende hier nicht weiter meine Zeit mit Euch Honks.“ Bla bla bla …

Und schon ist der Raid Geschichte – zumindest vorerst. Denn dieses Spektakel in drei Akten vollzieht sich vor jeder Erweiterung aufs Neue. Es ist der normale Lauf der Dinge. Was nicht heißt, dass es so ablaufen muss und dass ich das gut heiße, aber es wirft mich auch nicht aus der Bahn. Für mich ist das bereits die dritte Theateraufführung dieser Art und jedes Mal hat es sich wieder eingerenkt. Manche legen eine wohlverdiente Pause ein, mach anderem reicht eine erholsame Nacht mit einer ordentlichen Portion Schlaf und wieder andere setzen ihre Prioritäten in WoW neu. Es gibt viele Wege solch normale Krisen zu überstehen. Wichtig ist nur, dass alle akzeptieren und verstehen, mal einen Gang zurückzuschalten. Cataclysm wird erst in ein paar Monaten erscheinen. Bis dahin gibt es so viele andere Dinge zu erleben und zu entdecken. Erholt Euch ein wenig von Eurem so unglaublich typischen WoW-Burnout und freut Euch auf einen Neuanfang mit Goblins und Worgen.

Kommentare

12 Wordpress-Kommentare

  1. Pingback: Tweets die Burnout in Azeroth: Warum in Gilden gerade jetzt die Fetzen fliegen | Ninjalooter.de erwähnt -- Topsy.com

  2. Mal wieder sehr gut geschrieben!! ^^

  3. Der Burnout ist das eine – da geb ich dir vollkommen Recht. Raiden ist nicht ohne…..es ist ein Mannschaftssport, wenn man es vernünftig betreiben will. Ein Hobby mit festen Terminen, Aufstellungen, Regeln und einer Pflicht zum „Miteinander“. Über einen langen Zeitraum strengt das genau so an, wie eine Fußball-Saison.

    – Das Erreichen der Spitze des Progress ist das andere: Wenn eine Gilde irgendwann an einen Boss kommt, den sie niemals nie legen wird…und dann eh schon geschlaucht ist, dann wirds kritisch. In Classic gab es in Nax und in AQ40 diverse Bosse, die „unschaffbar“ für viele Gilden waren. In BC waren das vor allem Boss in Sunwell, die als Gildenkiller ihren Namen machten. Aber auch andere „Content-Blocker“ wie Vashij, Archimonde, Kel konnten Gilden „killen“, wenn diese über einen langen Zeitraum einfach keine Erfolgserlebnisse mehr wahrnahmen. Dann fallen langsam die ersten Raids aus. Neue Spieler werden geholt, aber auch die können nicht jeden Raid retten. Entweder der Knoten platzt dann doch noch….sei es, weil man den Boss out-geared….sei es, weil Blizz die Nerf-Keule schwingt….oder weil man doch mit einem „lucky-punch“ an einem sehr guten Tag den Boss legt……oder der Raid geht irgendwann drauf oder senkt sich in den Nebel der Lustlosigkeit um mit dem nächsten Addon dann wieder neu anzugreifen……

  4. Pingback: onlinegilde | Ninjalooter.de | Burnout in Azeroth

  5. Sehr schöner Beitrag. Und auch ich habe dieses Theater schon mitgemacht. Da bin ich momentan ganz froh das dies bei uns in der Gilde, zumindest momentan, nicht einmal einen kleinen Funken die Anzeichen darauf deuten sondern eher umgekehrt. Im 25er sind alle scharf darauf die letzten 2 Bosse auf dem Weg zu Arthas zu verprügeln und im 10er haut meine Stammgruppe fröhlich auf Arthas rum. Und wipen finden bei uns zumindest momentan alle toll, denn es wird nicht gemurrt sondern nach einem Wipe besprochen was passierte, geregt, gebufft und weitergehts. So wie es eben sein soll. Ich hoffe das der „knall“ nicht kommt und wenn doch, bitte nicht so schnell ;).

  6. wieder mal toll geschrieben.

    Burnout bei Freizeitbeschäftigung^^

  7. Pingback: Surftipp: Burnout in Azeroth: Warum in Gilden gerade jetzt die Fetzen fliegen « WoW – Journal von Nomadenseele

  8. Sehr schön geschrieben!

    Kenne ich 1:1 von den letzten beiden „Endzeitstimmungen“.
    Aus meiner Sicht gibt es noch einen weiteren Faktor, der in die Zeit vor dem nächsten Add On fällt: Die Elitetruppe.

    Die „besten“ von Raid A verbinden sich mit „den Besten“ von Raid B und eine neue Raidgruppe C wird gebildet, welche dann den nächseten Content rocken wird.
    Für alle übrigen treuen Seelen von Raid A und Raid B bricht eine Welt zusammen.
    Verlustgefühl, Depression, Sich-Nicht-Gut-Genug-Fühlen etc. -> Spiel hinschmeissen, Server wechseln, neue Gilde suchen … etc.

  9. Hehe, kenn ich, kenn ich. Meist bin ich der, der einfach abhaut und irgendwo anders neu anfängt ohne groß Theater zu machen, ich mein wo zu auch, und wenn die Gruppe es ohne einen schon weiter geschafft hat, dann wird man ja auch so ganz ohne schlechtem Gewissen gehen können. 🙂 Ich meine, im Endeffekt sucht man sich selbst sein Schicksal raus, Progress, Spielspaß oder Casual… die Karten liegen auf dem Tisch, aber man sollte sich nicht verrückt machen und vor allem nicht wild um sich schlagen, wenn man eben die falsche für sich rausgesucht hat. ^^

  10. Kenne ich sehr gut, weil viele Leute halt all-inclusiv Urlauber sind und nicht wirklich selbst etwas zum Ergebnis beitragen wollen.

    Und da sieht man dann selbst Leute sich verpissen und sich dem nächsten „besseren“ Angebot anschließen, von denen man sowas nie erwartet hätte. WoW ist halt eine Solo-RPG, wo Mitspieler als Erfüllungsgehilfen der eigenen Pixelwünsche angesehen werden…

  11. nett nett, habe mich genau wegen solcher aspekte derzeit aus wow zurückgezogen, arthas im 10er down reicht mir völlig somit „game over“ evtll, zum addon nomma vorbeischauen denn so ein worg hmm der wäre schon nett und natürlich neuer content.

  12. Pingback: onlinegilde - das online magazin | Ninjalooter.de | Burnout in Azeroth | Von Benny

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