Frei Schnauze: Leser sind nur eine Währung im Videospiele-Journalismus

von 30. November 2013 um 11:37 10
Frei Schnauze: Leser sind nur eine Währung im Videospiele-Journalismus

Was für ein abartiges Geschäftsmodell ist es eigentlich, wenn eine Webseite für Indie-Spiele 50 US-Dollar von Entwicklern verlangt, damit deren Spiele überhaupt getestet werden? Steht das nicht im krassen Gegensatz zum Ethos eines jeden Journalisten, dessen Wohlwollen einzig seinen Lesern zu gelten hat? Alles Quatsch, denn schon heute sind Leser keine Kunden, sondern klickende Währung.

Anlass für dieses Frei Schnauze gibt derzeit die englischsprachige Webseite The Indie Game Magazine. Dessen Besitzer Chris Newton sah sich nach lautstarker Kritik genötigt, das neue Review-Konzept  der Webseite in einem ausführlichen Beitrag zu verteidigen. Grund des Anstoßes war, dass Indie-Entwickler künftig 50 US-Dollar zahlen sollen, um auf indiegamemag.com einen Testbericht zu ihren Spielen zu erhalten. Eine Aufwandsentschädigung für den Tester, der Zeit und Arbeit aufbringen müsse, um einen neuen Indie-Titel in ausreichendem Umfang zu spielen und anschließend seine Eindrücke zu verschriftlichen.

Aber das Gewitter im Planschbecken war schon längst entfesselt. Videospieler und Indie-Entwickler gleichermaßen gehen auf die Barrikaden. Die Kritik lautet: Niemand will gekaufte Artikel! Unabhängigkeit und Aufrichtigkeit sind die Verpflichtungen gegenüber den Lesern! Wer kein anständiges Geschäftsmodell vorweisen könne, um seine Webseite über Werbeeinnahmen zu finanzieren, der habe es eben nicht verdient, von seiner Arbeit zu leben.

Kunden sind die Werbefirmen, nicht die Leser

Dabei ist es schon heute ein nicht gelebtes Ideal, dass Journalisten, und damit auch Videospieletester, einzig ihren Lesern verpflichtet wären. Natürlich schreiben wir alle für unsere Leser, wollen diese möglichst umfangreich und unterhaltend mit Informationen versorgen und haben dafür nur die edelsten Motive. Aber das ist eben nur ein Teil der Wahrheit.

Vielmehr sind wir Schreiber unseren Auftraggebern, den Verlagen, verpflichtet. Nur mit Auflage rechtfertigen wir unseren Monatslohn oder das gezahlte Honorar. Solange die Auflage und im Internet das Äquivalent Seitenaufrufe stimmt, müssen wir keine Rechenschaft über unsere Arbeit ablegen. Von der reinen Auflage kann aber kein Verlag seine Angestellten oder freie Mitarbeiter bezahlen. Es sind die Werbeeinnahmen die mit den Klickzahlen und verkauften Magazinen einhergehen.

Für Verlage seid Ihr Leser keine Kunden. Ihr seid eine Währung, ein Tauschgegenstand, der zu Geld gemacht werden kann. Werbefirmen sind die eigentlichen Kunden, denen die Verlage verpflichtet sind. Ein Verlag überlebt nur dann, wenn er die Interessen seiner Kunden bedient. Und diese sind überaus simple: Liefert uns mehr relevante Menschen, die wir umwerben können. Nicht anderes zählt, auch nicht der Leser.

Wer unter dem neuen Geschäftsmodell des Indie Game Magazines den Ausverkauf des Videospielejournalismus sieht, hat noch nicht verstanden, dass wir uns und unsere Arbeit seit jeher verkaufen.

Videospielejournalisten sind trotzdem Idealisten

Ein anderer Teil der Wahrheit ist aber auch, dass wir Videospielejournalisten trotzdem Idealisten sind. Tagtäglich kämpfen wir uns durch Pflichtarbeit, Spiele und Artikelstrecken, die unseren Lohn rechtfertigen. Wir liefern unseren Auftraggebern, den Verlagen, Material, damit diese wiederum ihren Kunden, den Werbefirmen, Auflage und Klickzahlen liefern können. Warum wir das machen? Damit wir ein Argument in der Hinterhand haben, wenn wir bei der nächsten Team-Besprechung für ein Spiel eintreten können, von dem wir wissen, dass es für die Verlage nicht ausreichend relevant ist.

Nischenprodukte und Liebhaberstücke werden querfinanziert. Wir schreiben den nächsten Guide zu World of Warcraft, damit wir in derselben Ausgabe eine Vorschau auf einen Nischentitel im Genre der Rundentaktik bringen können. Wir produzieren täglich die Millionste News zu Call of Duty und Battlefield 3, damit am Ende der Woche die Besucherzahlen stimmen und wir uns in einem Video dem nur wenig Interesse weckenden, aber tollen Aarklash Legacy widmen können. Wir sind gezwungen, unsere Kunden zu bedienen, damit unsere Leser mehr als nur Werbebotschaften erhalten.

Sind wir Ninjalooter bessere Menschen?

Als Blogger auf Ninjalooter.de können wir uns nur deswegen aus diesem Teufelskreis befreien, weil wir ihn an anderer Stelle bedienen, nämlich bei bezahlter Arbeit. Als freier Autor möchte kein Verlag dieser Welt ausführliche Videos zu den Schlachten in Der Herr der Ringe Online einkaufen. Zu aufwendig sind diese zu produzieren und damit schlicht zu teuer. Ein Testvideo oder eine kurze Vorschau zu einer neuen Erweiterung alle zwölf Monate sind das höchste der Gefühle. Nicht, weil die Redaktionsleiter kaltherzige Menschen wären (ganz im Gegenteil, immer wieder versuchen sie, wenig lukrative Aufträge unter die Verkaufsschlager zu mischen), sondern weil dieser Nischentitel keine Auflage bringt und damit für die eigentlichen Verlagskunden nicht relevant ist. Und als Redaktionsleiter ist man nun einmal seinem Verlag verpflichtet. Wenn Ihr also wirklich glaubt, The Indie Game Magazine würde sich erst mit dem neuen Review-Konzept verkaufen, dann überseht Ihr, dass wir alle uns seit Beginn des nicht mehr verlagsintern subventionierten Videospielejournalismus verkaufen.

Der Mythos, dass sich große Publisher Bestwertungen und besonders viel Aufmerksamkeit bei Verlagen erkaufen würden, ist deshalb auch nur ein Mythos. Die Verlage gieren stattdessen nach Exklusivstrecken und  dem „MEGA-TEST“, weil sie nur mit diesen ihre wahren Kunden beliefern können. Gleichzeitig ist es schon heute gängige Verlagspraxis, dass die kleinen Publisher eine Aufwandsentschädigung leisten müssen, oder unter dem Radar fliegen; nicht nur  bei der Webseite The Indie Game Magazine.

Auf der Suche nach echten Alternativen gewinnen indes die eigentlich Werbenden an Einfluss, indem sie die beiden Mittelsmänner Werbeagenturen und Verlage ausschalten: Die Publisher schaffen ihren eigenen Journalismus auf hauseigenen, kritiklosen Webseiten, der gänzlich auf die Querfinanzierung für Nischenprodukte verzichtet, die wir Ninjalooter und unsere Kollegen in den Verlagen zumindest versuchen. Der Leser bleibt auch da die Währung.

 

Kommentare

10 Wordpress-Kommentare

  1. Ist eigentlich schade aber irgendwie muss ja jeder an sein Geld am Ende kommen.

    Trotzdem frag ich mich inwiefern diese Umstände bestimmte Reviewer oder Seiten dazu bewegen gewissen Spielen Bestnoten zu geben oder gewisse Probleme automatischer weniger zu gewichten als bei anderen Spielen. Wieso bekommt denn Call of Duty immer und immer wieder hohe Wertungen? Wieso werden denn bei großen Titeln Launchprobleme nicht erwähnt? Warum muss denn ein Test immer vor dem Release rauskommen? (Wie viel Zeit hat denn eigentlich der Reviewer für so ein Spiel zum testen im Normalfall?)

    Ich selbst hab ein riesiges Problem in der weiten Welt des Netzes einen Reviewer zu finden, der Erstens meinen Geschmack trifft und Zweitens mir auch das Gefühl gibt jedes Spiel gleichwertig zu bewerten. Deswegen gehe ich mittlerweile nur noch auf Boards bei denen ich weiss, dass die Nutzer kein Verlangen haben Klicktraffic zu erzeugen und deswegen ist auch Adblock bei mir auf fast jeder Seite aktiviert (bei euch und anderen Seiten die ich fast täglich nutze natürlich nicht 😉 )

    Das 50$ Konzept find ich persönlich gar nichte so wild. Im Gegenteil es ist sicherlich ein guter Filter für die ganzen grauenhaften Indiespiele.

    • Vielleicht liegt es daran, dass diese Spiele den Nerv des Zielpublikums treffen? Vielleicht liegt es daran, dass diese Spiele nicht so schlecht sind, wie einige Wertungs-Basher glauben?

      Ich mag viele der Shooter-Spieler nicht; ist nicht mein Genre, aber ich muss eingestehen, dass Millionen Leute diese Reihen zu den meistverkauften Videospielereihen unserer Generation machen.

      Testzeiten sind unterschiedlich, je nachdem, wie sicher sich die Entwickle mit ihrem Produkt sind.

      PS: Adblock verstärkt das Problem nur. Wer Inhalte will, soll diese auch irgendwie honorieren. Das Resultat mit Vermeidungsstrategien sind Messe-Babe-Klickstrecken und dürften Pressemitteilungsnews, die keine Zeit kosten. Alles doof.

    • >Vielleicht liegt es daran, dass diese Spiele den Nerv des Zielpublikums treffen? Vielleicht liegt es daran, dass diese Spiele nicht so schlecht sind, wie einige Wertungs-Basher glauben?

      Das mag ja alles gut sein aber trotzdem werden bei AAA Spielen Probleme anders gewichtet als bei Indiespielen, so zumindest meine Erfahrung.

      Und wieso sollte „den Nerv der Zeit treffen“ gleichbedeutend mit der Wertung „gut“ oder „sehr gut“ sein? Was wird denn bewertet? Das Spiel oder das Spiel wie es in die derzeitige Generation passt?

    • Weil es bei der Wertung doch darum geht, ob das Spiel etwas für das Zielpublikum sein könnte. Was nützt eine irgendwie geartete, möglichst objektive Bewertung, wenn diese ihr Zielpublikum ignoriert?

    • Okay so hab ich das noch nicht betrachtet, dann macht es natürlich sinn.

  2. Heyho 🙂

    Als ich von einem Spiel kürzlich Testmuster (eher klein, nur so halb Indie) anbot, haben viele „Ja, gerne“ gesagt. Eine Antwort war jedoch „Wer macht denn bei Euch Marketing….?“ was sich mit einigen Erfahrungen als Redakteur deckt. Es ist eben so, wie es ist. Dass immer noch viele um den heißen Brei herumreden, verwundert mich, aber es passt natürlich nicht in Marketing-Pläne. Tatsächlich ist „kaufen“ von Coverage Gang und Gäbe, kaufen von Wertungen habe ich in meiner gesamten Karriere als Journalist nur 1-2 Mal erlebt, es ist beim Versuch geblieben.

    Unabhängig ist die Presse somit schon, allerdings genau mit dem beschriebenen Problem: Man muss Geld kriegen. Wo man das Phänomen übrigens extrem betrachten kann, sind diverse Youtuber. Die machen entweder was aus persönlichen Motiven oder eben weil sie sich hohe Klickzahlen versprechen – schlimmer noch als die etablierten Medien, denn diese berichten wenigstens etwas idR, ein Youtuber natürlich dann gar nicht, wenn er das Spiel nicht zockt.

    Beim Indie-Beispiel oben: 50$ sind ein wahres Schnäppchen, wenn es sich um einen ordentlichen Test handelt 😉

    Dennoch, deswegen sind wir Ninjas hier: Wir haben den Idealismus noch! Den haben auch viele Redakteure noch, aber viele „Leiter“ und sonstige Entscheider haben ihn verloren – niemandem würde es schaden, unter all die Klick-Monster öfter mal was kleines, nettes zu mixen und auch darauf Zeit zu verwenden. Denn so kann man auch was großes schaffen; Interesse kann man durch qualitative und quantitative Berichterstattung auch kreieren und das unterschätzen viele beziehungsweise haben keine Lust auf die Arbeit. Also, ein Hurra auf „Call of Duty 19: Neuer Teil ist tatsächlich ein Ballerspiel!“ oder „WoW: drölfte Erweiterung angekündigt, überraschend wird das Levelcap angehoben“ 😉

  3. Gibt es denn viele Alternativen Spieletestartikel online anderweitig zu finanzieren?

    Schlussendlich profitiert der Entwickler des Spieles doch von guten Rezensionen und kann dadurch bestenfalls seinen Absatz steigern?

    Wenn man von seinem Spiel überzeugt ist und Innovationen zu bieten hat kann man meiner Meinung nach auch 50 Dollar in einen (qualitativen), wenn auch manchmal subjektiven, Test investieren.

    • Wobei sich mit 50 US-Dollar kein vernünftiger Artikel produzieren lässt. Oder um es kurz zu sagen: Für das Geld hebe ich als Selbstständiger noch nicht einmal den Arm. Steuern, Sozialabgaben etc. Da bist du bei gerade einmal zwei Stunden bezahlter Arbeit, wenn du einen geringen Stundenlohn von 25 Euro (nein, das ist nicht mit dem Stundenlohn eines Angestellten vergleichbar). Das reicht in den meisten Fällen nicht einmal fürs Schreiben.

    • Auch ich arbeite auf selbstständiger Basis im schönen Österreich und kann dich verstehen, von eurer Branche habe ich allerdings zu wenig Ahnung.

      Da diese Seite Indie Games testet, wäre es für mich interessant zu erfahren wie lange man an so einem Test denn im Schnitt sitzt?

      Auf Grund der geringeren Komplexität dieser Spiele (Apps z.B.) nahm ich auch nicht an, dass der Test oder die Review länger als 2 Stunden Zeit in Anspruch nehmen würde.

  4. Also ich verstehe das Problem nicht wirklich, finde es eigentlich eher gut, wenn ein Portal so ehrlich ist und jedem Entwickler die Chance bietet, sich einen Test und damit die Chance(!) auf Werbung durch eine gute Bewertung zu kaufen. Es ist doch nunmal so, dass im Indie-Bereich so viele Spiele existieren, dass es unmöglich ist, jedes einzelne davon auf dem Radar zu haben.
    Insofern vermute ich, dass diese 50$ wahrscheinlich gar nicht mal nur der Finanzierung der Artikel dienen, denn wie schon erwähnt wurde, wirklich viel Geld ist das nicht, sondern auch dabei helfen, eine Auswahl zu treffen:
    Wer viele Arbeitsstunden in ein Spiel steckt (was umgerechnet in das, was ein fähiger Programmierer auf dem freien Markt verdienen könnte, eine Menge Geld ist), für den dürften 50$ nicht wirklich ins Gewicht fallen. Wer hingegen mal irgendwie zwischendurch ein kleines Spiel als Studiumsprojekt o.ä. programmiert hat und sich nun denkt, er könnte ja einfach mal versuchen, über eine derartige Webseite kostenlose Werbung zu kriegen und mit Glück ein bisschen schnelles Geld machen, wird hingegen von einer solchen Investition abgeschreckt und verschwendet nicht die Zeit der Redakteure.

    Die Idee, dass man sich mit einem derartigen Betrag bei einer ernstzunehmenden Website eine gute Wertung erkaufen könnte, klingt für mich sowieso schon mal völlig abwegig!
    Und ganz ehrlich, wer ernsthaft ein Spiel entwickelt (auch wenns nur ein kleiner Indie-Programmierer ist) und dieses verkaufen will, sollte auch ein gewisses Werbebudget einplanen und 50$ für einen Test, der das Potential hat, einige Kunden anzulocken, sind doch wirklich nicht viel.

    Zugegebermaßen weiß ich nicht, wie viele Leser die besagte Seite hat, aber selbst wenn das Angebot doch nicht so gut ist, ist es immer noch nur ein Angebot, das jeder Entwickler einfach ausschlagen kann. Wenn die Seite natürlich gute Spiele ignoriert, weil deren Entwickler nicht für den Test bezahlen wollen, schadet ihr das sicherlich, aber auch das ist eigentlich nur das Problem der besagten Seite!

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