WoW-Schlachtfeldgemetzel als Ersatzdroge für den Guild Wars Entzug

von 31. August 2010 um 14:27 6
WoW-Schlachtfeldgemetzel als Ersatzdroge für den Guild Wars Entzug

Angeln in DalaranEs ist Montagabend und ich werfe gelangweilt meine Angel in den Brunnen Dalarans. Ein Fisch nach dem anderen geht mir an den Haken, Freunde und Bekannte winken mir im Vorbeigehen zu und mein kleiner Begleiter Murkimus unterhält meine Angelnachbarn mit seinen Showeinlagen. Langeweile, endlose Langeweile macht sich breit. Warum habe ich mich jetzt noch mal eingeloggt? Wollte ich nicht noch irgendwelche unglaublich wichtigen Dinge erledigen? Ich schaue Murkimus an, meine Pet-Trophäe aus der Arena-Saison 2009. Erinnerungen blitzen vor meinem inneren Auge auf. Erinnerungen an Wochen voller Euphorie, Hoffnung, Adrenalin und Gemeinschaftsgefühl. Erinnerungen an längst vergangene PvP-Zeiten in Guild Wars.

Anda und Murkimus in DalaranIch könnte einfach die Kiste ausmachen und mich meinen Umzugskartons widmen. Weiter lethargisch Fische angeln ist zumindest keine Option. Ich schaue Murkimus ein letztes Mal an und entscheide mich spontan gegen mein Angel-Outfit und für mein PvP-Gewand. Eine Runde Zufallsschlachtfeld ist noch drin, bevor ich mich meinen realen Pflichten stelle. Kaum bin ich der Warteschlange beigetreten, ploppt auch schon das Fenster für das erste verfügbare Schlachtfeld auf. Innerhalb von nur wenigen Sekunden ist es wieder da – das Kribbeln in den Fingern, das Hin- und Hergezappe meiner Gehirnstränge, die eine möglichst effiziente Taktik für die Schlacht zusammenzimmern. Der Adrenalinspiegel steigt allein beim Anblick des Countdowntimers. Noch eine Minute bis sich die Tore öffnen und die Allianzmeute sich in die Schlacht begibt. Buffgeräusche – wie Musik in meinen Ohren. Noch 30 Sekunden. Die ersten Spieler zappeln wie kleine Kinder vor den Holzplanken des Warsong-Tores hin und her. Inneres Feuer? Check! PvP-Spec? Check! Insignie angelegt? Check! Das Tor rattert wie eine alte verrostete Burgpforte und gewährt uns aufgescheuchten Hühnern nach schier endlos lang wirkenden Sekunden endlich Zugang zum Schlachtfeld. Wie die Hyänen stürzen wir uns in der Kriegshymnenschlucht auf unsere Gegner, um sie ja daran zu hindern, unsere Flagge in Besitz zu nehmen. Meine Finger tänzeln über die Tastatur und Maus, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Ich entscheide innerhalb eines Augenzwinkerns über Leben und Tod und setze zeitgleich alles daran unseren Flaggenträger sicher in die heimische Basis zu geleiten.

Schlachtfeldgruppe Alterac

Urplötzlich ist alles vergessen – der Umzug, die unbeantworteten Emails, die noch zu führenden Telefonate mit Endlosschleifenmusik. Ich schalte ab. Der Schalter „Arbeit“ wird umgelegt und vom Schalter „Entspannung“ abgelöst. Ich mache ein Zufallsschlachtfeld nach dem anderen. Ich verliere, ich gewinne, ich fluche und ich sterbe tausend Tode. Aber warum ist gerade das chaotische, unorganisierte PvP-Geplänkel der WoW-Schlachtfelder die optimale Entspannungstherapie für mich? Gerade Zufallsgruppen rauben vielen Spieler den letzten Nerv. Ihr Handeln ist nicht kontrollierbar, ihre Entscheidungen häufig nicht nachzuvollziehen und die teilweise oft taktisch eher unerklärlichen Fehltritte mit dem Normalverstand eines WoW-Spielers kaum zu erklären. Warum in Herrgotts Namen sollte so etwas entspannend sein?

Vielleicht ist es einfach nur mein seit Jahren andauernder Guild Wars PvP-Entzug. Denn von fairen Zweikämpfen in WoW kann man nun wirklich nicht reden. Gute Ausrüstung gepaart mit dem Glück eine nur leicht taugliche Gruppe an Zufallsspielern zu erwischen, ist an sich schon Grund genug die Flinte schnell ins Korn zu werfen. Dennoch bereiten mir gerade die chaotischen Schlachtfelder in WoW eine schwer zu beschreibende Freude.

Guild WarsIn Guild Wars war Taktik das A und O. Jede Fähigkeit musste bis ins kleinste Detail mit den Gildenmitgliedern besprochen werden. Nehme ich einen Heilzauber mit oder ist der Unterbrechungszauber doch die bessere Wahl?  Welche Position übernehme ich in unserem Build? Bin ich der Flagrunner oder der Blocker? Setzen wir auf kontrollierten Gruppenschaden oder nehmen wir die Allzweckwaffe des Balance-Builds? In den WoW-Schlachtfeldern sind all diese Überlegungen hinfällig, betritt man den Wettkampf alleine. Eventuell ist ja genau das der Kasus Knacktus. Man ist auf sich allein gestellt und muss irgendeinen Weg finden, die Zufallsgruppe zu unterstützen oder Widersacher solo auszuschalten. Und genau deshalb ist die Freude über einen Erfolg, sei er noch so klein, so besonders.

Hinzu kommt die passende Musikbeschallung, die einem den Extra-Kick gibt und zu Höchstleistungen anspornt. Denn PvP hat immer etwas mit Hochleistungssport zu tun. Innerhalb von Millisekunden müssen Entscheidungen gefällt, taktisch sinnvolle Manöver durchgeführt werden. Nutze ich die Insignie jetzt oder macht es mehr Sinn sie für den nächsten brenzlichen Moment aufzusparen? Musik gibt einem den gewissen Grad an Leichtigkeit und gewährt einem eine Extraportion Kampfgeist. Das Extraquentchen Gerissenheit mit dem man fast schon aussichtslos erscheinende Duelle doch noch wenden kann. Der durch Musik hervorgerufene innerliche Kampfschrei und die wilden Gestiken vor dem Monitor helfen, zumindest mir, so manche Gegner doch noch ins Jenseits zu schicken.

Strand der UraltenIch liebe das Gemetzel auf Schlachtfeldern und ja ich bin eine Frau und vielleicht ist genau das ein weiterer Grund für meine allnächtliche Leidenschaft. Kaum ein Spieler erwartet eine weibliche Spielerin hinter dem Headset. War ich zu Guild Wars Zeiten an GvG freien Abenden doch mal in einer Zufallsgruppe gelandet, verstummten die männlichen Mitstreiter schnell im TS oder Vent. Hinzu kam der bekannte Gildenname. Kaum einer vermutete eine Frau hinter der Rolle des einsamen Flagrunners. „Ach du bist der Ersatzspieler?“- „Nein, ich mache das schon immer.“ Stille!

Warum gleicht eine PvP-Spielerin immer noch einem Wunder? Warum werden sie noch immer nicht wirklich ernst genommen? Mich nahmen damals zumindest sieben männliche Guild Wars-Spezies so ernst, dass sie mir einen festen Platz in ihrer GvG-Stammgruppe gaben. Eine Erfahrung die ich nie wieder missen will und die vielleicht auch genau deshalb meine Liebe zum PvP geebnet hat. Dieses Durchbeißen in kniffligen Momenten, diese unbeschreibliche Euphorie den Weltrangersten zu besiegen, die Erleichterung, hinter der nächsten Ecke den Gildenkumpel zu sehen, der einem den Arsch rettet, die lobenden Kommentare in Guild Wars TV nach einem anstrengendem Match zu lesen und dann am Ende der Saison die einstellige Platzierung schwarz auf weiß zu sehen. All das sind Momente, die für mich PvP so einzigartig machen. Schlachtfelder in WoW sind wahrscheinlich nur die Ersatzdroge für das, was ich damals erlebt habe. Sie geben mir für einigen Minuten das Gefühl wieder Skill anstatt Lootglück zu haben, mein Können zu zeigen und nicht nur die hippsten Klamotten Dalarans zu tragen – sie bieten mir gerade genügend Ablenkung, um mich vollends zu entspannen und zumindest für eine kurze Zeit in eine andere Welt einzutauchen.

Kommentare

6 Wordpress-Kommentare

  1. „In die Enge getriebene Eichhörnchen können zu tödlichen Bestien werden…“

  2. Sehr schön geschrieben 🙂

    Wären die Wartezeiten nicht so stinkig auf unserem Server, dann würde ich mich wohl auch immer noch zu der ein oder anderen Stunde BG-Geschnetzel hinreissen lassen………die PvP-Musikliste anschmeissen und dann ein paar Allys aus dem Leben nuken. Nur sind nach 15 Minuten schon 5 Ohren-Ergüsse aus meiner Liste gespielt. Anstatt dutzende besiegte Gegner mit „Die Motherfucker Die“ im Ohr gabs „Warmhüpfen“ in Dalaran. „gähn“

    Deine GW-PvP-Zeit ist meine WoW-PvP-Zeit während dem Ehresystem. Nie wieder hat PvP so gerockt. Nie wieder gab es eine so aktive PvP-Community auf Dun Morogh. Nie wieder gab es so spannende Partien, wie die von damals – Stammgruppe Ally vs Stammgruppe Horde. Nie wieder wurde im Realm-Forun so heiss über gespielte Partien…über Gegner…über Mitstreiter diskutiert. Nie wieder war mein Band zur Allianz auf unserem Server so eng verbunden.

    Und ja….ich kenne die Nachteile des Ehre-Systems nur zu gut. Die schlimmsten haben mich damals nicht getroffen (die armen Allys^^)…..und in einer „früher war alles besser“-Erinnerung haben solche Kinkerlitzchen nichts zu suchen.

  3. Hopp, hopp! Kisten packen! Ich mach das net *g

    • Ich bin mächtig stolz auf mich. Drei Kommoden und die Küchenschränke sind leer. Jetzt kann ich bis zum Umzug zwar nicht mehr kochen, aber der ganze Kleinkram ist verstaut.

  4. Hach wie ich Eredar mit Rhin,Auron und dem Rest vermisse. Aber dafür hab ich jetzt wieder einen normalen Blutdruck. 😉

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